Interviews

„Wir müssen europäisch klären, wie Technologie in einer solchen Notlage helfen kann.“

Im Kampf gegen COVID-19 setzen einige Länder auf Apps. Mit Hilfe von Handydaten und Bewegungsprofilen werden Infizierte beobachtet. (K)Ein Vorbild für Deutschland? Wir sprachen mit Christin Schäfer, der Gründerin und Geschäftsführerin der Berliner Data Science Boutique „acs plus“. Die studierte Statistikerin war Mitglied der Datenethikkommission der Bundesregierung.

Digitale Anwendungen, sog. Corona-Apps, gelten im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus aktuell als technologische Wunderwaffe. Worum handelt es sich und was können wir derzeit überhaupt wissen mit Blick auf Asien?

Im Detail wissen wir wenig. In China wurde die „Health Code App“ eingeführt, die Daten (wir wissen nicht, welche) ausliest. Diese werden auf einer kommerziellen Plattform verarbeitet, die dann in intransparenter Art und Weise jeder einzelnen Person ein Signal gibt, ob man zuhause bleiben oder in Isolation muss oder aus dem Haus gehen darf. Die Qualität der auf Daten basierenden Entscheidungen ist aber äußerst zweifelhaft.

Vergleichbare Apps, die in Deutschland auf den Markt kommen sollen, sehen Sie ebenfalls kritisch?

Ja. Zudem: Einzelne „Health Code“ Apps bringen wenig. Es braucht das ganze Bild. Entweder befinden wir uns in der totalen Überwachung oder es ist ein Placebo Tropfen auf dem heißen Stein und damit sinnlos. 

Abgewogen werden muss der Datenschutz mit dem medizinischen Nutzen. Nach welchen Kriterien?

Für diese Abwägung muss zunächst der tatsächliche medizinische Nutzen der datengetriebenen Apps ermittelt werden. Für Krisensituationen, wie jetzt bei Corona, muss klar festgelegt werden, wann eine Notsituation und damit der Einsatz der App beginnt, insbesondere auch wann sie endet. Und es muss garantiert sein, dass die Daten sofort gelöscht werden. Erst wenn dies klar ist, kann eine Abwägung erfolgen.

Wie müsste eine europäische Datenpolitik für den Gesundheitssektor aussehen, die auch solche Extremlagen adäquat berücksichtigt?

Wir müssen europäisch klären, wie Technologie in einer solchen Notlage helfen kann. Dafür braucht es ein nicht nur technologisches Gesamtkonzept. Apps und Daten von Netzbetreibern bringen wenig. Was wir vor allem brauchen, ist ein europäisches Gesundheitssystem, das sich solidarisch zeigt.