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Patient first! Eine digitale Agenda für die Krankenhäuser

Das deutsche Gesundheitswesen war im Vergleich mit anderen Branchen Schlusslicht bei der Digitalisierung.  Damit ist jetzt Schluss, auch wegen Corona. Die Politik hat das enorme Potenzial der digitalen Medizin erkannt, die Bundesregierung will Milliarden in die Digitalisierung der Krankenhäuser investieren. Die Kliniken sollten in Zukunft weniger vom System denn vom Patienten aus denken: „Patient first!“ Der Patient wird zum Treiber der digitalen Transformation.  

Der Patient wird zum zentralen Akteur
Die digitale Revolution wird die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen und das Angebot von Gesundheitsversorgern verändern. In Deutschland nutzen heute mehr als zwei Drittel der über 16-Jährigen das Internet und Online-Plattformen zur Beschaffung gesundheitsrelevanter Informationen. Je jünger, desto aktiver wird das Internet als Informationsquelle genutzt. Das hat weitreichende Folgen für die traditionellen Gesundheitsexperten wie Ärzte und Therapeuten. Der Bürger wird zum zentralen Gesundheitsakteur, aufgeklärt und mit dem Arzt seines Vertrauens auf Augenhöhe.

Neue Technologien in der Medizin bieten vielfältige Chancen für eine bessere und effizientere Versorgung. Ziel ist vor allem der Erhalt der Selbstständigkeit älterer Menschen. Medizin und IT wachsen in Zukunft immer stärker zusammen.  Erkennbare Entwicklungen sind eHealth, Internet- und Präzisionsmedizin. Mikroroboter werden in die Blutbahn gespritzt und messen den Blutdruck, erkennen einen drohenden Herzinfarkt oder Krebs im Frühstadium. In der neuen Titanhüfte befindet sich ein Chip, der als Schrittzähler fungiert, den Insulinspiegel misst und automatisch einen Notruf tätigt, wenn der Besitzer stürzt und Hilfe benötigt. Gewebeingenieure züchten aus synthetischen Materialien oder dem Gewebe des Patienten neue Organe und ersetzen damit alte oder kranke Gewebe. Solche Verfahren werden bald so normal sein wie der Herzschrittmacher, der erstmals in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingesetzt wurde.

Ersetzen Algorithmen und Automatisierung Ärzte?
Viele medizinische Probleme sind heute Informationsprobleme. Je besser das Wissen über den Patienten und seine Krankheit, desto größer sind die Chancen ihn zu behandeln. Statt eine pauschale Zielgruppenlogik zu verfolgen, gilt es die Chancen einer personalisierten Behandlung zu ergreifen und in Methoden wie computergestütztem Microtargeting kein digitales Teufelszeug zu sehen. Der Computer kann hier eine Methode vorschlagen, die genau auf die persönliche Situation des Patienten zugeschnitten ist. Big Data, Algorithmen und Künstliche Intelligenz können – richtig angewandt – das Ziel einer besseren, weil präzisen und präventiven Gesundheit und einer höheren Lebensqualität fördern.  

Die Menge der Gesundheitsinformationen wächst schneller als Spezialisten sie verarbeiten können. Mit Hilfe von Algorithmen lassen sich Informationen effizienter und besser verarbeiten. Schon warnen Kritiker, dass in Zukunft Algorithmen Ärzte ersetzen und der Arzt zum KI-abhängigen Assistenten degradiert wird. Das Gegenteil ist richtig. In Zukunft wird das Verhältnis zwischen Arzt und Patient als Qualitätskriterium in der Gesundheitsversorgung immer wichtiger. Je besser und intensiver sich der Arzt um den Patienten vor, während und nach einer medizinischen Leistung kümmert, desto nachhaltiger ist der Effekt in der wahrgenommenen und tatsächlichen Qualität. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz werden Ärzte entlastet und haben mehr Kapazitäten für Maßnahmen, die nur „von Hand“ gehen. Ein gutes Beispiel ist die invasive Therapie von Schlaganfällen. Während KI das Computertomogramm analysiert, kümmert sich der Arzt minimalinvasiv um die Gefäße des Patienten.

Auf dem Weg zu einer Open Health Society
Viele Bürger sind um den Schutz ihrer Gesundheitsdaten besorgt. Um sie in ihrer „digitalen Mündigkeit“ zu stärken, müssen wir digitale Verantwortung, Vertrauen und Transparenz zusammen denken. Dafür braucht es mehr qualifizierte Information und digitale Selbstbestimmung. In Estland sieht beispielsweise jeder Patient anhand seiner digitalen Patientenakte, wann welcher Arzt auf seine Daten zugreift. Missbrauch wird hart bestraft.

Wo Patienten und Ärzte besser informiert sind, können sie bessere Entscheidungen treffen. Die Digitalisierung lässt eine neue „Open Health Society“ entstehen. Über offene und partizipative Plattformen und Netzwerke lassen sich die Daten und das Wissen für Patienten bündeln und die medizinische Forschung voranbringen. Voraussetzung ist, dass die Patienten über ein Mindestmaß an Gesundheitskompetenz verfügen. Gesundheitskompetenz betrifft das Wissen über die Folgen unserer Lebensweise und die Verantwortung für unser Leben. Ein wichtiger Meilenstein dafür wäre ein nationales Gesundheitsportal. Das Portal könnte Patientenrechte und Gesundheitsinformationen bündeln und auf verständliche Art und Weise erklären. Das Megathema „digitale Gesundheit“ würde Deutschland nicht mehr allein Google und Co. überlassen.

Anreize für eine digitale Revolution
Ein neuer Aufbruch im Gesundheitswesen betrifft aber mehr als Technologie und Geld. Eine digitale Agenda für das deutsche Gesundheitswesen braucht Anreize und den Willen von Ärzten, Industrie und Bürger. Dazu drei Vorschläge, die für eine digitale Revolution im Gesundheitswesen sorgen werden. Erstens: Die gesamte Dokumentation sollte bis 2025 in einer digitalen Patientenakte erfolgen. Kliniken und Praxen, die dazu nicht in der Lage sind, bekommen einen spürbaren Vergütungsabschlag.  Ab 2030 erfolgt die Dokumentation in der Cloud. Zweitens: Verbindliche Digital-Budgets für die Krankenkassen und die ambulante Versorgung. Digitale Lösungen wie die Online-Sprechstunde und digitale Gesundheitsanwendungen wie Apps werden verpflichtend eingeführt und vergütet. Drittens: Virtuelle Gesundheit. Eine qualitätsgesicherte Versorgung muss künftig grds. auch ohne physischen Arztkontakt möglich sein.

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens stärkt den Patienten, entlastet das Personal und spart langfristig Kosten. Deutschland kann zum Vorreiter der digitalen Transformation des Gesundheitswesens in Europa werden. Corona hat gezeigt, dass wir es schaffen können.  

Von Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp ist Ärztlicher Direktor BG-Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) und u.a. Kuratoriumsmitglied des hih.