Interviews

Online Sprachtherapie

Die Kasseler Stottertherapie (KST) verlegt, mit Unterstützung aller vertraglich assoziierter Krankenkassen, ihre Kurs- und Therapieangebote während der Covid-19-Pandemie komplett ins Internet. Kinder, Jugendliche und Erwachsene können zurzeit auch sämtliche Kurse und Therapieangebote, die bislang als Präsenztherapie angeboten wurden, online in Anspruch nehmen.

Wir sprachen mit dem Gründer Alexander Wolff von Gudenberg über Tagesgeschäft und Perspektive.

Wie hat sich die COVID-19-Pandemie auf die Logopädie ausgewirkt?

Nach unserer Einschätzung hat die Mehrzahl der sprachtherapeutischen Praxen geschlossen. Vermutlich sind fehlende Technikaffinität und Skepsis gegenüber Onlinebehandlungen der Grund dafür, dass nicht sehr viel Teletherapie im 1 zu 1 Setting durchgeführt wird. Weil Plattformen mit Tools zur Organisation einer komplexen Gruppentherapie im virtuellen Raum fast völlig fehlen, werden auch die kaum sinnvoll stattfinden können.

Sie arbeiten schon seit vielen Jahren mit der Gesamtheit der Krankenkassen zusammen. Wie haben die Krankenkassen in dieser Situation reagiert?

Alle Krankenkassen, die wir angesprochen haben und die uns seit Jahren kennen, haben große Flexibilität bewiesen. Konkret haben wir von jeder großen Krankenkasse ein Schreiben bekommen, in dem wir bis in den Sommer oder sogar ohne zeitliches Ende die Genehmigung bekommen haben, auch die Therapien (vorwiegend Kinder, teilweise unter Einbeziehung der Eltern) online zu bringen und abzurechnen zu können, für die es bisher noch keine Online-Verträge gab. Andere Kassen haben sich dem ausnahmslos angeschlossen.

Wie gehen Eltern und Kindern mit der neuen Therapiesituation um?

Speziell die Eltern der auf online umgestellte Kindertherapie für 6-9 Jährige und 9-12 Jährige haben vor der Therapie ziemliche Skepsis geäußert, ob das denn funktionieren kann! Wir haben danach ausnahmslos positives Feedback bekommen, teilweise sogar die Einschätzung, dass die Kinder online strukturierter und motivierter arbeiten konnten als in der vorher erlebten Präsenztherapie. Man braucht zwingend die konkrete Erfahrung, um seine skeptische Einstellung Onlinetherapie gegenüber zu ändern!!

Wie wird es mit der Online-Therapie nach der Krise weitergehen? Wie wirken sich die aktuellen Erfahrungen aus?

Das ist die entscheidende Frage. Die Kasseler Stottertherapie (KST) wird vermutlich trotz des kurzen Zeitraums die Effektivität der neu durchgeführten Onlinetherapie nachweisen können und ggf. neue Verträge abschließen können. Ob Sprachtherapeuten eher auf online „umswitchen“ darf bezweifelt werden. Dafür bedürfte es neben einer Einstellungsänderung bei den Therapeuten auch die dauerhafte Etablierung von rechtlichen Rahmenbedingungen. Weiterhin braucht man Ausbildungseinrichtungen wie die der KST, die Präsenzkonzepte in den virtuellen Raum bringen und eine Plattformen wie „freach“ kostenlos Verfügung stellen können, mit der auch Gruppenarbeit möglich ist. Vor allen Dingen bedarf es einer praktischen Ausbildung in allen Aspekten der Onlinetherapie wie z.B. Therapieplan- und Materialentwicklung und der technischen Handhabung der Plattform und den praktischen Fragen wie Technikchecks und Organisation eines Supportes.