Interviews

„Niemand hat einen Masterplan“

Die Corona-Pandemie stellt Gesellschaft und Medizin vor neue Fragen. Welche Mittel sind erlaubt, wenn es um die Vermeidung einer nationalen Gesundheitskatastrophe geht? Wie können Interessen und Werte abgewogen werden? Und was kann Digitalisierung leisten? Ein Gespräch mit der Medizinethikerin Prof. Dr. med. Alena Buyx, Mitglied des Deutschen Ethikrats.

Der Deutsche Ethikrat hat in einer Empfehlung Ende März zur „Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise“ auf den epidemiologischen Imperativ Bezug genommen, wonach die Ausbreitung des Corona-Virus erheblich verlangsamt und die Infektionskurve abgeflacht werden muss. Ist der epidemiologische Imperativ in dieser Zeit auch der ethische?
Die Imperative widersprechen sich zum Teil. Der erste Imperativ des Gesundheitsschutzes will die Kapazität des Gesundheitswesens erhalten, der zweite Imperativ nimmt die Folgeschäden in den Blick und will diese möglichst minimieren. Es geht uns um ein Plädoyer für eine Verhältnismäßigkeit. Dieser Auftrag gilt nach wie vor für die Politik. 

Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery fordert eine allgemeine Impflicht zum Schutz gegen das Coronavirus, sobald ein wirksames Mittel existiert.
Bis der Impfstoff kommt wird es noch einige Zeit dauern. Ich bin sicher, dass die Bereitschaft, sich dann impfen zu lassen, um wieder am allgemeinen Leben teilnehmen zu können, sehr hoch sein wird. Die Gruppe der echten Impfgegner ist mit zwei bis drei Prozent sehr klein. Die Gruppe der Impfskeptiker mit etwa 20 Prozent ist offen für Argumente und Aufklärung. Eine übergreifende Impfpflicht werden wir daher nicht brauchen. Erst wenn sich herausstellen sollte, dass die Impfung nicht ausreichend angenommen wird und wir es nicht schaffen, die Risikogruppen zu schützen, könnte eine Diskussion beginnen, welche zusätzlichen Maßnahmen noch nötig sind.  

Wäre eine Tracing-App ein milderes Mittel?
Eine Tracing-App wäre ein deutlich milderes Mittel, weil sie auf Freiwilligkeit beruht. Wir brauchen eine Vielzahl an Maßnahmen. Dazu gehören die Abstandsregel, Sicherheitsmaßnahmen wie Plexiglasscheiben, Masken in geschlossenen Räumen und die Hygieneregeln. An diese Maßnahmen sollten wir uns auf längere Sicht gewöhnen.

Nach der ersten Phase der Kontaktbeschränkungen kam im April rasch die Frage nach den ökonomischen und sozialen Kollateralfolgen des Gesundheitsschutzes auf. Welche Rolle spielen kollidierende Interessen wie etwa der Wirtschaft und der Bildung von Kindern?
Der Ethikrat hat auf diese ethischen Konflikte frühzeitig hingewiesen. Die Maßnahmen haben erhebliche Kollateralschäden im Hinblick auf Familien und Kinder, die aufgrund der Schulschließungen verschiedene Nachteile haben, oder ältere Menschen in Pflege- und Altenheimen, die unter sozialer Isolation leiden. Es gibt inzwischen eindeutige Hinweise, dass soziale Isolation ein Sterbefaktor ist.  Auch psychische Erkrankungen haben deutlich zugenommen, wohl auch die Gewalt gegen Kinder und Frauen. Die Frage stellt sich jeden Tag neu: Wie können wir verhältnismäßig bleiben? Niemand hat einen Masterplan für die Balance der beiden wichtigen Ziele des Gesundheitsschutzes und der Minimierung von Nebenfolgen. 

Mehrere medizinische Fachgesellschaften haben in dieser Woche die sofortige Öffnung von Kitas und Schulen gefordert und dies mit sonst gravierenden sozialen und gesundheitlichen Folgen der Schließungen begründet. Der Schutz von Lehrern, Erziehern, Eltern und Schülern stünde dem nicht entgegen.
Das ist eine sehr beachtliche Stellungnahme, die wir nicht ignorieren dürfen. Die empirischen Hinweise mehren sich, dass in der Gruppe der Kinder bis 10 die Übertragung und die eigene Infektion recht gering ist, aber wir brauchen noch mehr Forschung. Auf jeden Fall brauchen wir schon jetzt gute Konzepte, die eine weitere, verantwortliche Lockerung möglich machen.

Die Coronakrise ist die Stunde der Regierung und der Wissenschaft, die Fragen berühren aber die gesamte Gesellschaft. Wie lassen sich die Bürger besser einbinden, auch um Verschwörungstheorien entgegen zu wirken?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Bei der Partizipation der Bürger ist noch viel Luft nach oben. Ein positives Beispiel ist der Hackathon der Bundesregierung, der das kreative Potenzial der Zivilgesellschaft gezeigt hat. Auch Bürger können Experten sind. Sportvereine und Eltern an Schulen haben in dieser Krise ebenfalls Hygienekonzepte erarbeitet. Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung, die wir stärker nutzen sollten. Wenn Menschen mitgestalten, haben sie mehr Vertrauen in die Maßnahmen, weil sie sie besser verstehen und daran beteiligt waren.

Worin sehen Sie die ethischen Chancen der digitalen Medizin?
Digitale Tools wie die Datenspende-App des RKI, Tracing und auch das Testen zeigen das enorme Potenzial der digitalen Medizin, unser Leben in dieser Pandemie zu verbessern. Das muss jedoch ethisch verantwortlich gestaltet werden.

Prof. Dr. med. Alena Buyx ist Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München (TUM). Das Institut hat eine Sammlung von Informationen zu medizinethischen Aspekten rund um die Covid-19-Pandemie auf seiner Institutshomepage erstellt. Auf Twitter ist Frau Buyx unter @alena_buyx zu finden.