Interviews

Nachhaltige Veränderungen im ambulanten Bereich

Die niedergelassenen Ärzte betreuen sechs von sieben Corona-Kranke plus die Patienten, die sie ohnehin behandeln. Digitale Lösungen wurden schnell als notwendig erachtet, Vergütungswege geöffnet – doch was wird bleiben? Ein Gespräch mit Dr. Florian Fuhrmann, Geschäftsführer kv.digital GmbH, über die Hoffnung, dauerhafte Lösungen etabliert zu haben.

Die KVen haben in der Krise schnell reagiert, digitale Lösungsmöglichkeiten erweitert und erlaubt – lässt sich heute schon absehen, was Corona nachhaltig verändert?
Wie in anderen Lebensbereichen (Homeoffice etc.) hat die Digitalisierung in Praxen während der Corona-Krise eine neue Relevanz und Akzeptanz erfahren. Besonders fällt dies beim Thema Videosprechstunde auf, deren Nutzerzahlen sich auf Seiten der Patienten und Arztpraxen vervielfacht haben. Die Videosprechstunde kann einen physische Patientenkontakt zwar nicht komplett ersetzen, mindert aber das Infektionsrisiko. Damit verbunden hat sich das KV-System dafür stark gemacht, dass Patienten auch telefonisch für eine längere Zeit krankgeschrieben werden können. Langfristig gehe ich in der Tat davon aus, dass die Digitalisierung von Patienten und Praxen noch stärker strukturell eingefordert wird als dies bereits geschieht.

Wie groß ist die Zustimmung der Ärzte zu den digitalen Möglichkeiten und was davon hat die Chance, den Weg in die Regelversorgung zu finden?
Praxen arbeiten seit Jahrzehnten täglich digital, und sie fordern zurecht die Weiterentwicklung der strukturellen Möglichkeiten. Ich meine Breitbandanbindungen, sichere Übertragungswege, Vergütungsmodalitäten, Primärsysteme etc. Die Vergütung von Videosprechstunde ist seit einigen Jahren ebenfalls Teil der Vertragsärztlichen Versorgung, allerdings ist sie noch nicht ausreichend. Zudem bleibt abzuwarten, wie lange die vergünstigten und teilweise kostenfreien Angebote für die Nutzung von Systemen für Videosprechstunde Bestand haben werden. Es wäre wünschenswert, wenn Videosprechstunden für den Versorgungskanon einer Praxis und den Software-Anbieter auch nach der Corona-Krise attraktiv wären.

Welchen konkreten Erfahrungen haben Sie in den vergangenen Wochen mit der 116117 gemacht?
Die 116117 konnte telefonisch und digital einen großen Beitrag zur Aufklärung der Patienten rund um Corona beitragen und bei vielen konkreten Fragestellungen helfen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die 116117 für alle Fragen rund um die ambulante Versorgung zuständig ist. Dies betrifft z.B. die Versorgung durch den Bereitschaftsdienst und die Vermittlung von Terminen. Um allen Anrufern und Nutzern der Digitalangebote zu helfen, hat das KV-System keine Kosten gescheut und das Angebot entsprechend ausgeweitet.

Die öffentliche Daseinsfürsorge hat eine neue Wichtigkeit bekommen. Wie sind die Reaktionen der Patienten und Praxen auf diese neuempfundene Verantwortlichkeit?
Der Bundesminister für Gesundheit formuliert es in seinem offenen Brief an die niedergelassenen Ärzte so: „(…) niedergelassene Ärztinnen und Ärzte bilden den ersten Schutzwall, den unser Gesundheitssystem im Kampf gegen das Virus aufbietet. (…)“ Praxen und Labore leisten seit Wochen Außerordentliches und tragen maßgeblich dazu bei, dass Infizierte bestmöglich versorgt werden und wir zuversichtlich über Lockerungen der Pandemiemaßnahmen diskutieren können. Auch wenn dies eine neue Situation sein mag, so ist es zumindest für Praxen keine neuempfundene Verantwortlichkeit, sondern die Essenz ärztlichen Handelns.
Ich bin dankbar dafür, dass wir in den letzten Jahrzehnten ein so starkes und belastbares System zur Erkennung und Versorgung von Infektionen in Deutschland etablieren konnten und wir als IT-Tochter der KBV einen kleinen Beitrag beim Thema Digitalisierung leisten dürfen.