Interviews

„Initialzündung für die Telemedizin“

Vor zehn Tagen haben KBV und GKV-Spitzenverband die Begrenzungsregelungen für Videosprechstunden zunächst für das zweite Quartal aufgehoben. Fallzahl und Leistungsmenge sind nicht mehr limitiert – in der gegenwärtigen Situation ein wichtiges Element für die Regelversorgung körperlich und psychisch kranker Menschen, auch um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen und einzudämmen. Viele Anbieter von Telemedizin stellen daher ihre Plattformen in dieser Krise kostenfrei zur Verfügung (Übersicht). Die Nachfrage ist enorm gestiegen.

Wir sprachen mit Prof. Dr. Dietrich Baumgart, Internist und Kardiologe, von der Gemeinschaftspraxis Preventicum in Essen über aktuelle Herausforderungen und künftige Potenziale der Videosprechstunde und Telemedizin.

Was sind Ihre Erfahrungen aus den vergangenen Tagen, wie reagieren die Patienten?

Die Sprechzeit ist zwar auf 10 Minuten begrenzt, wird dafür aber garantiert. Für viele ist die Videosprechstunde eine Art Hausbesuch.  Vieles ist momentan auch eine Frage der Psychologie und damit der Kommunikation. Jeder möchte in dieser Ausnahmesituation Kontakt vermeiden, daher sind die Patienten für die Möglichkeit einer Videosprechstunde sehr dankbar. Der Beratungsanteil ist aktuell sehr hoch, da die Leute maximal verunsichert sind.

Sind die Nutzer eher jüngere und digitalaffine Patienten?

Aktuell ist es vor allem die Generation 60plus, die besorgt ist und per Videosprechstunde Beratung sucht. Ansonsten kommen die Nutzer aus allen Altersgruppen.

Welche Vorteile haben die Gespräche für Sie und Ihre Patienten?

Aus der Distanz, aber unter visueller Kontrolle, können beide Informationen übermitteln. Für den Arzt ist der visuelle Eindruck entscheidend, weil die Symptome je nach Alter der Patienten sich erheblich unterscheiden. Der Patient muss nicht extra anreisen und spart Zeit und Kosten. Wir können volle Wartezimmer vermeiden.

Wo stehen wir bei der Telemedizin in fünf Jahren?

Die Krise ist eine Initialzündung für die Telemedizin wie für die Digitalisierung der Medizin allgemein. Übertragung und Nutzung der Daten und damit ihre Verwertbarkeit werden zunehmen. Hier brauchen wir mehr grünes Licht und regulatorische Maßnahmen, um das Potenzial auch nutzen zu können, aber wir sind auf einem sehr guten, politisch unterstützten Weg.