Interviews

Gesundheitsämter im Fokus

Lange Zeit führten unsere Gesundheitsämter – zu Unrecht – ein Schattendasein. Dass die Pandemie vergleichsweise milde verläuft, ist sicherlich maßgeblich das Verdienst der Menschen im ÖGD, ist sich auch Dr. med. Philipp Stachwitz, Director Medical Care des hih, sicher. Er hat einen Tag in einem Berliner Gesundheitsamt verbracht, großartige Menschen, optimierbare Technik und ein hohes Improvisationstalent kennengelernt.
Wir möchten an dieser Stelle noch einmal auf unser ÖGD Forum – Digitalisierung des Infektionsschutzes am 18. September (10-13 Uhr) hinweisen, in dem wir die angesprochenen Fragen diskutieren.

Mit welchem Eindruck bist du nach Deinem Tag im Gesundheitsamt nach Hause gefahren?
Es war ein toller Einblick, den mir die Kolleg:innen und die vielen Freiwilligen vor Ort gegeben haben. Sehr engagiert, emphatisch, lösungsorientiert und immer mit Blick auf die einzelnen Menschen, die sie betreuen und ihre „Aufsichtspflicht“ über das gesamte Geschehen.

Welches ist die derzeit wichtigste Aufgabe des ÖGD?
Die Kernarbeit ist derzeit sicherlich die Verfolgung von Infektionsketten und die Verhinderung der (erneuten) Ausbreitung von SARS-COV2: infizierte Personen in Quarantäne bringen und dort begleiten, Kontaktpersonen ermitteln und diese, wenn nötig, ebenfalls in Quarantäne bringen und eng monitoren – auch gesundheitlich. Bei Auffälligkeiten und Symptomen sorgen die Mitarbeiter dafür, dass die medizinische Versorgung sichergestellt wird. Was dann Aufgabe des normalen Gesundheitswesens ist, also bei Praxen ggf. Krankenhäusern liegt.

In den vergangenen Wochen wurde viel über das Meldewesen des ÖGD, Datenübermittlung und Digitalisierung im weiteren Sinne gesprochen, was war Dein Eindruck?
Auch wenn viele Aufgaben nach mehr Digitalisierung rufen, ist es kein Schwarz-Weiß-Bild. Das Betreuen vieler Menschen muss trotz digitaler Unterstützung weiterhin auch per Telefon erfolgen können. Was gut ist, denn die Menschen sind oftmals alt und nicht alle so digital-affin. Die sehr heterogene und oft inkompatible Software-Landschaft macht es an vielen Stellen in der Tat schwieriger, die Meldekette effizient abzuarbeiten und eine Menge muss noch durch Abtippen von Faxen (manchmal sogar doppelt!) anstelle von Datenaustausch erledigt werden. Viele Gesundheitsämter haben eigene, gut funktionierende Lösungen in sehr kurzer Zeit aufgebaut – und auch neue Software eingeführt. Eine Krise ist aber mitunter ein schwieriger Zeitpunkt für die Einführung einer neuen IT-Lösung … oder der beste! Aber dafür müsste es erst einmal eine geben – jedenfalls glaube ich, der ÖGD kann Stärkung in diesem Bereich gut gebrauchen.
Hier finden Sie auch den Podcast der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf zum Thema.