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Erlebnisbericht: Selbst-Versuch eines Mediziners auf Test-Suche in Berlin

Als ich einmal versuchte, mich (in Berlin) auf das neuartige Corona-Virus testen zu lassen – und schließlich auch erfolgreich war …
Nein, die Geschichte mag nicht repräsentativ sein – es mag unzählige Varianten geben, aber eben auch diese, die ein befreundeter Arzt aus meiner Eltern-Bubble beschrieb, der gerne anonym bleiben möchte. Und sie macht deutlich, wie dringlich eine bundesweite Lösung für Gesundheitsbehörden ist.

Samstagmittag: Ich habe Kopfschmerzen, Schnupfen, mein (an sich gut kontrolliertes) Asthma macht sich bemerkbar. Ich fühle mich krank, die Symptome gehen nicht weg und jetzt habe auch noch Geschmacks- und Geruchsverlust. Und außerdem bin ich Arzt und werde kommende Woche wieder Patienten sehen. Da muss ich mich wohl testen lassen.

Meine erste Anlaufstelle ist die 116117: Dort mehrfach wechselnde Auskünfte und Entschuldigungen, dass sich alles gerade ändere: Zunächst werden nacheinander die Klinken Vivantes Prenzlauer Berg, Vivantes Wenckebach-Klinikum und das Ev. Krankenhaus Herzberge empfohlen – bis die Dame feststellt, dass dort heute (es ist 15:30 Uhr) nur noch bis 16:00 Uhr auf und Sonntag ganz geschlossen ist.  Daher wird mir eine Kooperationspraxis empfohlen, die auch am Sonntag von 11:00 bis 13:00 Uhr geöffnet habe. Ich bekomme Telefonnummer und Internetadresse.

Auf der Webseite der Corona-Kooperationspraxis ist eine Handynummer angegeben, die aber nicht erreichbar ist. Unter der anderen Telefonnummer kommt dann vom Band der ausdrückliche Hinweis, dass die Praxis am Wochenende gar nicht mehr geöffnet habe.

Also Fehlanzeige und wieder die 116117: Dort jetzt die Erkenntnis, dass es vor Montag keinen Test geben wird. Der sei heute oder Sonntag auch im Virchow-Klinikum nicht möglich. Das einzige was jetzt noch gehe, sei mir das Corona-Mobil der Berliner Feuerwehr zu schicken. Darauf verzichte ich aber lieber, als die Dame mir bestätigt, dass dann zwei Menschen, verkleidet wie bei “Outbreak”, zu mir in nach Hause kommen. Tja. Eine Möglichkeit gebe es aber doch noch, teilt mir die Mitarbeiterin der KV dann mit deutlich gesenkter Stimme mit: „Mobile Abstrichstellen. Dazu kann ich aber nichts sagen. Das hat nichts mit der KV zu tun. Das müssen Sie auch privat bezahlen.“ Sie haben sich dazu im Internet schlau gemacht. Ich bin irritiert. Es klingt fast so, als würde sie mir einen Besuch im Rotlichtmilieu empfehlen. Aber gut. Von den Drive-Ins hatte ich auch schon gehört.

Auf www.berlin.de finde ich die Info, dass sich das Angebot des Corona-Testzentrums am Zentralen Festplatz Kurt-Schumacher-Damm “an Pflege- und medizinisches Personal auch ohne Symptome” richtet, man sich aber „telefonisch beim Gesundheitsamt Mitte unter 9018-45271 anmelden” muss und „dann ein individuelles Zeitfenster mitgeteilt” bekommt. Aber immerhin, alles ganz seriös! Anruf im Gesundheitsamt Mitte: Ja. Test ist möglich. Aber erst Montag ab 10 Uhr. Das frustriert mich.

Nun versuche ich es bei der Hotline des Berliner Senats. Mein inzwischen fünfter Anruf. Dort in der Leitung eine Ärztin, die mir mitteilt, ich solle mich bitte am Montagmorgen um 8:00 Uhr bei dem für meinen Wohnort zuständigen Gesundheitsamt telefonisch melden. Das sei der vorgesehene Weg. Dort werde man einen Erhebungsbogen mit mir ausfüllen, sich dann später zurückmelden und mir mitteilen, wie es weitergehe. Als ich – nur zur Klarheit – noch einmal nachfrage, ob es also somit keine Möglichkeit mehr gibt, mich noch am Wochenende testen zu lassen und ob auch das Virchow-Klinikum keine Option dafür sei, antwortet sie mir, dort gebe es nach ihrer Kenntnis nur einen Test nach telefonischer Terminvereinbarung. Und überhaupt, sie wolle jetzt nicht mit mir „streiten“.

Ich will auch nicht streiten, füge mich vorläufig am Samstag in mein Schicksal und rufe am Montagmorgen Punkt 8:00 Uhr im Gesundheitsamt an. Dort ein Mitarbeiter an der Hotline, der mir mit größter Ruhe das Procedere erläutert: Aufnahme eines Erhebungsbogens durch ihn und dann erfolgt “zeitnah” eine Rückmeldung zum weiteren Vorgehen. Als ich “zeitnah” hinterfrage lautet die Auskunft, das könne “einige Tage dauern”. Das ist mir zu lang. Nachdem er mir dann zwei Arztpraxen mit Adressen inclusive Postleitzahl diktiert hat, mir dann aber wieder zum Ausfüllen des Erhebungsbogen rät, bin ich so verwirrt, dass ich mich schließlich doch für das gemeinsame Ausfüllen entscheide. Und dies sofort bereue. Schon die Durchgabe meiner Adresse ist eine Herausforderung. Viermal muss ich meinen Straßennamen buchstabieren und dreimal die Hausnummer wiederholen. Die Abfrage meiner Beschwerden dauert eine gefühlte Ewigkeit. Bei jedem Symptom muss ich beantworten, ob es „gering, mittel oder stark?“ ausgeprägt ist. Endlich sind wir fertig. Der Mann beteuert zum Abschied, er werde „das jetzt weitergeben“ und „vermerken, das es eilt“. Schließlich beginnt er aber dann noch, mich ausführlich über mein Verhalten bei Verschlechterung meiner Beschwerden zu informieren. Erst mein Hinweis, dass ich ja doch Arzt sei, kann ihn stoppen. „Stimmt. Dann wissen sie ja besser Bescheid als ich.“ Zum Abschied wünscht er mir alles Gute und ruft empathisch „ich drücke Ihnen die Daumen!“

Da ich nicht einige Tage warten will, rufe ich wieder die Senats-Hotline an, um nachzufragen, wie ich mich für den Test im Virchow-Klinikum anmelden kann. Die Mitarbeiterin erfragt meine Situation und nach 30 Sekunden rät sie mir: „Gehen Sie da hin. Sie sind medizinisches Personal und haben Asthma. Das reicht!“ Ich frage ungläubig nach, weil ich doch am Samstag hörte, ich müsse erst anrufen, um mich für eine Termin anzumelden. „Na se ham doch jetzt angerufen. Fahr’n se einfach hin.“
Aha. Das ist ja was!

Der Rest ist schnell erzählt. Um 9:15 Uhr Eintreffen am Campus Virchow-Klinikum. Zur Corona-Ambulanz durchgefragt und am Eingang nach kurzer Befragung des Testens für würdig befunden. Zwei weitere Sprechstellen hinter Glas mit Aufnahme der Daten und ärztlicher Anamnese. Schließlich der Abstrich kurz und etwas schmerzhaft in der Nase („wenn die Augen tränen, haben wir alles richtig gemacht“) und ich werde nach einer knappen Stunde entlassen mit dem Hinweis, dass man mich in ein bis zwei Tagen telefonisch über das Ergebnis informieren werde. Und ich natürlich jetzt Quarantäne einhalten muss.

Das Gesundheitsamt meines Bezirkes meldet sich dann noch am selben Tag am frühen Nachmittag. Als ich gleich mitteile, dass es sich schon erledigt habe und ich bereits getestet sei, ist man offenkundig sehr erleichtert. Falls ich positiv sei, werde man es ja dann sowieso erfahren.

Vielleicht braucht man für eine zweite Welle dann doch eine bundesweite Lösung …