Interviews

„Eine Revolution im deutschen Gesundheitswesen“

Kontaktlose Behandlungsmöglichkeiten sind in diesen Wochen gefragt. Die Potenziale digitaler Medizin und Medizintechnik werden so wohlwollen diskutiert wie noch nie. Christian Weigand, Leiter der neuen Arbeitsgruppe „Mobile Health Lab“ in Bamberg am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS), ist im Gespräch überzeugt: Das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) und die elektronische Patientenakte sind eine „Revolution im deutschen Gesundheitswesen“. Deutschland habe dennoch erheblichen Nachholbedarf. 

Covid-19 gilt als die Stunde der digitalen Medizin. Gilt das auch für die Medizintechnik?
Die Stunde hat bereits vor Corona mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) begonnen. Seitdem sind digitale Gesundheitsanwendungen (DIGA) auch im Bereich Medizintechnik abrechenbar und bezahlbar. Covid-19 verstärkt diese Nachfrage deutlich, da das „Behandeln aus der Ferne“ hier eine besondere Rolle erhält.

Wo steht Deutschland hier im internationalen Vergleich?
In Bezug auf die Abrechnung von Telemedizin betreten wir Neuland und haben gerade erst angefangen. Bis heute war Telemedizin in Deutschland nicht über die Kassen abrechenbar. Die erste DIGA kann man nun in wenigen Tagen beim BfArm anmelden. Aber auch bei den Krankenhäusern haben wir einen Nachholbedarf in der digitalen Vernetzung und Prozesssteuerung über die Sektorengrenzen hinweg. Andere Länder wie Österreich und die baltischen Länder sind hier wesentlich weiter. Wir müssen bei der Telematikinfrastruktur schneller und besser werden. Vieles hat zu lange gedauert und hat sich nun überholt. Gerade die Anbindung der mobilen Endgeräte und damit der mobilen Medizin wurde ursprünglich gar nicht bedacht, ist aber für den Anschluss der DiGAs wichtig.

Wem gehören die Daten?
Bei der Corona-Tracking-App sehen wir gerade, wie schwer wir uns mit dem Datenschutz tun. Die DSGVO ist hier die Richtschnur. Das Problem ist vor allem unsere digitale Abhängigkeit vom nicht-europäischen Ausland. Wenn Personendaten in der Cloud gespeichert werden, wissen wir nicht, was dort passiert und wer alles Zugriff auf die Daten hat. Mit dem „Cloud-Act“ von Trump haben die Amerikaner den Zugriff und wir bekommen nicht mit, dass unsere Daten abgegriffen werden. Wir müssen mit der DSGVO eine eigene europäische Infrastruktur schaffen und anders mit den Daten umgehen. Wir versuchen in unserem Mobile Health Lab eine telemedizinische Kommunikationsplattform zu bauen, die die Daten nicht in der Cloud speichert, sondern einen dezentralen Ansatz verfolgt. Es ist besser, die Daten bei den Patienten dezentral zu speichern. Der Patient entscheidet dann, wann er welche Daten wem und wie lange freigibt. Die digitale Zustimmung muss jederzeit widerrufbar sein. 

Werden wir mit und nach der Pandemie unabhängiger von globalen Wertschöpfungsketten?
In der Krise sehen wir, dass die globalen Lieferketten leiden. Es ist schwer, Zulieferteile aus China oder anderen Ländern zu bekommen. Just-in-time funktioniert in einer Pandemie nicht. Es wird zu einer Lokalisierung von Produktionsstätten kommen. Die langfristigen Folgen von Corona werden dazu führen, dass wir viele Produkte wie Schutzkleidung und Desinfektionsmittel in Deutschland oder Europa herstellen, auch weil unsere Qualitätsstandards höher sind.