Interviews

Digitale Hilfe bei Angststörungen

Die Mindable App richtet sich an Angstpatient:innen und Behandelnde – welcher ist der bislang bewährteste Weg, wie Eure App genutzt wird?
Die App ist sowohl therapiebegleitend als auch zur Überbrückung der Wartezeit auf Psychotherapie gedacht. Bislang verzeichneten wir tatsächlich mehr eigenständige Nutzer, die die App ohne therapeutische Begleitung nutzen. Mit der Corona-Krise hat sich die Einstellung gegenüber digitalen Gesundheitsanwendungen begonnen zu wandeln. Unsere Lösung wird als echtes Ergänzungs- bzw. Unterstützungs-Tool wahrgenommen. Seit ca. zwei Monaten schlägt sich das nun auch vermehrt in kostenlose Schulungen an Kliniken und Arztpraxen nieder, die die App stärker als therapiebegleitend einsetzen. 

Ihr seid 2019 mit Eurer App live gegangen – wie hat sich die DiGA seitdem, vor allem auch durch Corona, verändert?
Vor knapp einem Monat haben wir noch einmal eine neue Version der App herausgebracht und die App mit wichtigen Funktionen erweitert, nämlich der in-vivo Konfrontation.

Eine der wirksamsten Methoden, Ängste langfristig zu reduzieren, ist es, sich mit den eigenen Ängsten zu konfrontieren. 

Im Falle von Panikstörungen und Agoraphobie – der Angststörungen auf die wir uns spezialisiert haben – sind das Situationen wie öffentlichen Verkehrsmitteln, Menschenmengen, enge und weite Räume, alleine zu Hause sein oder alleine reisen, die aus Angst vermieden werden und nun im Rahmen der Behandlung wieder aufgesucht werden sollen. 

Seit der neuen Version unterstützen wir hier mit über 350 Konfrontationsszenarien aus denen Nutzer auswählen können. Während den Konfrontationen wird die Angst der Nutzer einfach über das Drücken der Lautstärkeregler am Handy oder den dazugehörigen Kopfhörern aufgezeichnet. Daraus ergeben sich Angstkurven, mit Hilfe derer die Nutzer:innen ihre Fortschritte über die Übungen hinweg vergleichen können und – sofern sie in Therapie sind – mit der Therapeut:in wunderbar nachbesprechen können. 

Die Corona-Zeit hat – und das stellen gerade viele fest – vor allem die Akzeptanz für digitale Lösungen und auch das Bewusstsein für die Notwendigkeit digitaler Lösungen bei den Behandler:innen gesteigert. Das hat uns den Einstieg enorm erleichtert. 

Welche Rückmeldung erhaltet Ihr von Euren Nutzern und welches Feedback hat Euch bisher am meisten beschäftigt?
Das Feedback von Nutzer:innen und Behandler:innen ist wirklich fantastisch und hat unsere Erwartungen völlig übertroffen. Vor allem die Möglichkeit, das Angstlevel während der Konfrontation in Echtzeit aufzuzeichnen, führt zu einem hohen therapeutischen Nutzen. 

Und auch für das Design und die User Experience bekommen wir viel positives Feedback. Eine wissenschaftlich fundierte Lösung zu gestalten ist das eine, sie jedoch nutzerfreundlich zu machen und hierbei nicht die emotionale Journey des Patienten aus dem Auge zu verlieren, ist heutzutage – und das wird leider oft vergessen – kein Nice-to-Have mehr, sondern ein Must-Have. 

Und bei User Experience spreche ich nicht nur von schickem Design, sondern darum davon, dass man das Gesamtsystem mit allen beteiligten Parteien, Patient:innen, Ärztinnen und Therapeut:innen, betrachtet . 

Dem Feedback zufolge haben wir es geschafft die richtigen Pain Points zu identifizieren und zu adressieren. Und das macht uns auch ein wenig stolz – dass muss ich schon zugeben.

Natürlich gibt es auch noch viel zu tun. Wir stellen z.B. fest, dass auf Seiten der Therapeuten vor allem Besorgnis beim Thema Datenschutz und Datensicherheit besteht und es den Behandler:innen ein Anliegen ist sicherzustellen, dass so wenig Daten wie möglich an die Krankenkasse übermittelt werden. Bei der Entwicklung legen wir daher besonders viel Wert auf eine Regularien- und DSGVO-konforme Umsetzung. In diesem Bereich wird uns immer klarer, wie wichtig es ist, hier gut aufzuklären und sich mit den Sorgen der Behandler:innen intensiv zu beschäftigen. Ein erster Ansatz wäre es z.B. ganz allgemein aufzuklären welche Standards bei DIGAs, die im Verzeichnis sind, bereits umgesetzt werden – und das in allgemeinverständlicher Form. Ich sehe hier auch viel Potential für ein ganzheitlicheres Schulungskonzept für Behandler:innen, um die Akzeptanz für DIGAs allgemein zu steigern.

Wer bezahlt Euch / die App?
Zurzeit ist die App kostenlos. Wir streben die Erstattung durch die Krankenkassen im Rahmen des DVG Fast Tracks an, für den wir in den letzten Vorbereitungen sind.

Mit dem DVG Fast Track hat sich auch ein Verschreibungs-Tor eröffnet. Ihr seid bereits ein zertifiziertes Medizinprodukt Klasse 1 – wie geht es für Euch weiter? Welchen Weg werdet oder habt Ihr vielleicht bereits eingeschlagen?
Auch wir werden uns für den DVG Fast Track bewerben. Zurzeit sind wir in den letzten Vorbereitungen. Eine Studie an der UK Bonn ist bereits aufgesetzt und soll zeitnah beginnen. Nächstes Jahr werden wir uns als Medizinprodukt der Klasse IIa nach MRD zertifizieren lassen. Die Vorbereitungen dafür sind bereits voll im Gange.