Interviews

„Die Gesundheitsämter sind der zentrale Anker“

Seit elf Jahren ist Dr. Ute Teichert Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V. und leitet seit 2014 die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen. Im Gespräch zieht die Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen eine Bilanz der Pandemie und wünscht sich einen Pakt 2.0 für den Öffentlichen Gesundheitsdienst.

Was ist Ihre Bilanz nach einem Jahr Corona-Pandemie?
Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) ist im Fokus von Politik, Öffentlichkeit und Medien. Für viele hat Corona wie ein Brennglas gewirkt: Um den ÖGD steht es schlechter, als wir gedacht haben. Heute ist die Notwendigkeit eines starken ÖGD allen klar. Corona hat gezeigt, welche Kräfte vorhanden sind. Und dass wir in einem Krisenfall zusammenhalten und Notreserven wie beispielsweise die Bundeswehr aktivieren können.

Was sind für Sie die Lehren aus dieser Pandemie, vor allem im Zusammenspiel zwischen Bund, Ländern und öffentlichen Gesundheitsämtern?
Wir müssen Gesundheitsversorgung neu denken und anders aufstellen. Die öffentliche Gesundheit als Versorgung der Bevölkerung muss stärker ins Bewusstsein rücken. Zur sektorenübergreifenden Versorgung gehören auch die Gesundheitsämter. Ziel muss der Aufbau von Netzwerken auf allen Ebenen sein. Bei der elektronischen Patientenakte (ePA) gehören zur Schnittstelle auch die Gesundheitsämter, sie brauchen Zugriff auf Daten. Die Ämter sind der zentrale Anker. Wir müssen alle Ebenen stärken. Dort, wo es keine Strukturen gibt, müssen wir neue aufbauen und diese mit den bestehenden besser vernetzen.

Muss die EU zur Gesundheitsunion werden?
Eine Pandemie ist eine globale Herausforderung und braucht ein starkes Europa. Bei der Beschaffung der Masken und der medizinischen Ausrüstung, aber auch bei der Produktion der Impfstoffe haben wir den Sinn eines gemeinsamen Vorgehens erlebt. Wenn wir am Ziel eines freizügigen Europas festhalten wollen, mit Personen- und Reisefreiheit, brauchen wir einheitliche Regeln auch für den Gesundheitsschutz.

Corona war auch die Stunde der digitalen Medizin. Wie steht es um die Digitalisierung der Ämter?
Das Rad der Digitalisierung hat sich in der Pandemie schneller gedreht als zuvor – und wir werden es weiterdrehen. Es gibt im ÖGD noch viel zu tun. Wichtig ist nicht nur, unsere Kernprozesse zu digitalisieren, zum Beispiel das Melden von Infektionskrankheiten oder die Kontaktpersonen-Nachverfolgung in der Pandemie. Wir sollten auch auf digitale Services zum Beispiel für die Bürger:innen schauen. Die Aus-, Fort- und Weiterbildung im ÖGD haben wir in der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in der Pandemie virtuell betrieben – und setzen seit einiger Zeit auch auf E-Learnings. Diesen Weg werden wir noch ausbauen.

Wo hakt es?
Es fehlt an den Strukturen, die Gesundheitsämter sind nicht untereinander vernetzt. Interoperabilität ist das Gebot der Stunde. Wir haben zwar SORMAS, das System ist aber noch nicht überall in Anwendung und die Nutzung dazu noch freiwillig.

Die Kommunen und öffentlichen Gesundheitsämter haben bei der Corona-Warn-App eine Anbindung gefordert. Warum kam es nicht dazu?
Da haben offenbar Gründe des Datenschutzes eine zentrale Rolle gespielt. In die Lücke sind verschiedene Check-In-Apps gesprungen, zum Beispiel die Luca-App. Die Idee hier ist ja, die Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung der Kontakte zu unterstützen. Jetzt hat auch die Corona-Warn-App neue Funktionen. Mit dem neuen Impfzertifikat wird die App ihr zentrales Merkmal der Anonymität verlieren und personalisiert. Eine Schnittstelle zwischen den personalisierten Daten und den Gesundheitsämtern ergibt Sinn. Wir müssen über Tools nachdenken, die auch die Gesundheitsämter unterstützen.

Was wären die Vorteile einer Anbindung der Ämter an die App?
Wir könnten den Prozess deutlich beschleunigen. Im Durchschnitt dauert es fünf bis sieben Tage, bis sich eine Person mit Symptomen testen lässt und bis das Testergebnis eingeht. Wenn wir diesen Zeitraum nur um einen Tag verkürzen könnten, hätten wir niedrigere Inzidenzen, weil wir die Infektionsketten früher brechen können. 24 Stunden Zeitgewinn wären enorm.

Ist der ÖGD heute resilienter im Hinblick auf künftige Gesundheitskrisen?
Nein, leider nicht. Wir sind auf dem Weg. Der „Pakt für den Gesundheitsdienst“ muss jetzt mit Leben gefüllt, die Strukturen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes müssen verändert werden und die Digitalisierung vorankommen.

Haben Sie einen Wunsch an die Politik?
Einen „Pakt 2.0“! Mehr Personal, eine Planung über längere Zeiträume und Strukturreformen. Öffentliche Gesundheit und Pandemiemanagement gehören nach oben auf die Agenda.