Interviews

“Die Bereitschaft, Wissen zu teilen, hat zugenommen.”

Professor Gernot Marx, Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care des Aachener Universitätsklinikums, ist der neue Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), die durch die Pandemie bzw. ihre Auswirkungen auf die intensivmedizinische Versorgung ungewohnt in den Mittelpunkt der Berichterstattung gerückt ist. Digitalisierung, Telemedizin und künstliche Intelligenz (KI) sind Themen, die für ihn Weichen für eine bessere Versorgung von Intensivpatienten stellen können. Ein Gespräch darüber, wie die Erfahrungen mit der Corona-Pandemie einen positiven Einfluss auf die Zukunft der Intensivmedizin haben kann.

Selten stand die Intensivmedizin so im Fokus der Berichterstattung, wie es aktuell der Fall ist. Wie ist das für Sie als Präsidenten der DIVI?
Es ist in der Tat eine besonders herausfordernde Zeit – nicht nur für uns Intensivmediziner. Es ist eine Zeit besonderer Verantwortung, aber auch eine, die uns als Fachgesellschaft ein besonderes Gehör verschafft.  Wir möchten diese nutzen, um zu gestalten und neue Möglichkeiten für die Intensivmedizin auszuloten und in die Praxis zu bringen.

Sie meinen, jetzt die Weichen stellen für die Zeit nach der Pandemie? Bei der Arbeitslast auf den Intensivstationen können neue Vorschläge doch nur Scheitern, oder?
Nein, ich meine wirklich beides. Wir sehen jetzt noch genauer, was gebraucht wird und wir müssen versuchen direkt zu handeln, damit die Erleichterung auch jetzt schon wahrgenommen werden kann – und im besten Fall beide, intensivmedizinisches Personal und Patienten, davon profitieren. Die Pandemie ist ein Beschleuniger für viele innovative Ideen, die Leben retten werden, aber ohne Corona nie eine solche Aufmerksamkeit erfahren und in ihrer Umsetzung sehr viel mehr Zeit benötigt hätten.

Die DIVI hat in der ersten Welle eine Art digitale Vorreiterrolle mit dem DIVI-Intensivregister übernommen – inwieweit hat sich das bewährt?
Das war wirklich eine tolle Erfahrung und natürlich ein kleiner Kraftakt dazu. Wir haben das nicht alleine geschafft, das RKI ist hier unser Partner, wie auch das BMG, aber es hat gezeigt, dass die Bereitschaft gemeinsam etwas zu schaffen in solchen Krisenzeiten überwiegt. Das Register ist ein solches Gemeinschaftsprodukt – und es hat sich, gerade auch über die Feiertage als robuste Größe gezeigt: Als das RKI verzögerte Zahlen der Gesundheitsämter publizieren (musste), konnten wir mit den tagesaktuellen Zahlen mehr Licht ins Dunkel bringen.

Haben Sie noch mehr positive Erfahrungen aus dem universitären Wissenschaftsbetrieb mitgenommen?
Ich habe mich sogar einmal zu dem Satz hinreißen lassen „Pandemie schweißt zusammen!“. Die Bereitschaft Wissen, Erfahrungen, auch Fehler zu teilen und zu besprechen, hat in den vergangenen Monaten dankenswerterweise stark zugenommen. Neue Netzwerke konnten etabliert werden, CoCos und die Forschungsplattform sind nur zwei der Projekte, die gemeinsam auf den Weg gebracht wurden. Das ist das wirklich Positive an dieser Ausnahmesituation für uns alle.

Wie oft haben Sie schon gedacht, wie großartig es ist, die Teleintensiv-Medizin frühzeitig etabliert zu haben, und jetzt eine Hilfestellung für andere Stationen sein zu können?
Auch das ist ein gutes Beispiel für Veränderungen, die einen direkten, auch kurzfristigen Nutzen bringen. Sehen Sie, Teleintensivmedizin ist etwas, was ich mit meinem Team des UK Aachens seit 2012 maßgeblich mit auf den Weg gebracht habe und was auch über das virtuelle Krankenhaus NRW gefördert wird. Über diese Plattform haben wir in den vergangenen Monaten über 2.000 Konsile durchgeführt und 300 Covid19-Patient:innen teleintensivmedizinisch betreut. So haben wir faktisch die Arbeitslast viel besser auf mehrere Häuser verteilen können – bei gleichbleibend hoher Qualität.

Was haben Sie sonst noch auf Ihrer Legislatur-Agenda?
Das oberste Ziel ist immer, eine bessere Versorgung von Intensivpatienten sicherzustellen, dazu gehört momentan vorrangig die erfolgreiche Behandlung möglichst vieler Covid-Patient:innen. Darüber hinaus möchte ich den Rückenwind, den wir durch die Pandemie erfahren, vor allem in Hinblick auf Mitarbeitergesundheit, die Arbeitsbedingungen und Attraktivität des Jobs nutzen.
Die Arbeit auf einer Intensivstation ist etwas sehr Besonderes – in beide Richtungen. Wir müssen es schaffen, diesen ausgezeichneten, super ausgebildeten Teams, die Möglichkeit zu geben, wirklich langfristig ihren Job gerne zu machen – dabei ist ein Mehr an Personal kein Allheilmittel.
Aus meiner Sicht gehört ebenso der gezielte Einsatz technischer Unterstützungstools dazu, die zur Erleichterung und Flexibilität beitragen. Sei es nun für die Dokumentationslast, für die Mobilisierung oder Lagerung etc.
Telemedizin ist auch ein schönes Beispiel, als Basis für digitale und regionale Gesundheitsnetzwerke, so können Lasten verteilt und Wissen geteilt werden kann. Auch der Einsatz von KI in der Intensivmedizin kann meines Erachtens in echten Patientennutzen umgewandelt werden.

Was ist Ihre derzeit größte Sorge?
Die Pflegenden. Und die Zeit danach. Meine Mitarbeiter sind wirklich müde – und wir rechnen mit einer dritten Welle, ohne die zweite schon hinter uns zu haben. Viele sagen sich, dass sie während einer Pandemie nicht ihren Job aufgeben können. Die halten jetzt noch durch und überlegen sich, eventuell danach etwas Neues, etwas weniger Forderndes zu suchen. Das bereitet mir die größten Sorgen.

Und wie gehen Sie mit diesem und dem Stress in der Krise überhaupt um?
Ach, sehen Sie, Krisen, sind immer Zeiten, in denen viel kommuniziert werden muss. Und Sport ist gut. Also rede ich viel und treibe viel Sport, das hält mich mental im Lot.