Digitale Tools

Das E-Rezept kommt und ist kaum bekannt

Ein weiterer Meilenstein in der Digitalisierung des Gesundheitswesens kommt: die Medikamentenversorgung. Zum heutigen 1. Juli startet (eigentlich) das Elektronische Rezept mit einer Testphase in der Region Berlin-Brandenburg und soll für Praxen, Patient:innen und Apotheken zum wichtigten Arbeitsmittel werden. Vereinfacht werden sollen die Abläufe in den Praxen und Apotheken.

Nutzt die/der Patient/in die Videosprechstunde, muss für das Rezept keine Praxis aufgesucht werden. Das E-Rezept ersetzt das rosa Papierrezept für verschreibungspflichtige Arzneimittel in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Der Vorgang ist einfach und transparent: Die Ärzt:innen legen das Rezept auf einem zentralen Server ab, die Patient:innen bekommen einen Zugangsschlüssel (Token) und erlauben mittels Smartphones und der bundesweit einheitlichen App ihrer Wahl-Apotheke den Zugriff auf das Rezept. Die bundeseinheitliche App wurde von der gematik entwickelt. Bundesweit wird das E-Rezept am 1. Januar 2022 zur Pflichtanwendung für alle Ärzt:innen, Zahnärzt:innen, Kliniken, Apotheken und Patient:innen.

Mehr Sicherheit und Komfort

Der Markt für die neue Anwendung ist groß. Jährlich gibt es rund 700 Millionen Verordnungen. Das E-Rezept soll unvollständige, fehlerhafte oder gefälschte Verordnungen vermeiden, Pflichtfelder sollen verhindern, dass wichtige Daten fehlen. Das E-Rezept bringt Ärzt:innen, Patient:innen und Apotheken zusammen und ermöglicht weitere digitale Anwendungen von der Medikationserinnerung bis hin zum Medikationsplan mit eingebautem Wechselwirkungscheck und schafft so eine lückenlose Medikamentendokumentation und damit mehr Sicherheit für alle Akteure. So lässt sich u.a. besser überprüfen, ob Arzneimittel untereinander verträglich sind.

Fehlmedikationen führen allein zu 30.000 Todesfällen im Jahr, mehr als im Straßenverkehr. Mehr als 1,6 Millionen Menschen müssen wegen der Nebenwirkungen oder Kontraindikationen behandelt werden. Zehn Prozent der Krankenhauseinweisungen sind auf Fehlmedikationen zurückzuführen. Elektronische und digitalisierte Medikation kann die Arzneimitteltherapiesicherheit erheblich verbessern, wenn auf das E-Rezept der elektronische Medikationsplan folgt.

Künftig sollen neben verschreibungspflichtigen Arzneimitteln auch andere Leistungen elektronisch verordnet werden können. Patient:innen sparen sich unnötige Wege und können jederzeit mit Hilfe der App einsehen, ob ein Medikament vorrätig ist und wann sie ihr Medikament in der Apotheke ihrer Wahl abholen können. Auch die Zustellung nach Hause wird schneller möglich sein.

Zu Beginn wird die Gematik-App wahrscheinlich für die Bevölkerung kaum nutzbar sein, da vorab eine Authentifizierung über eine elektronische Gesundheitskarte (eGK) mit NFC-Funktion erforderlich ist. Deren Freischaltung muss bei der Krankenversicherung beantragt werden. Die große Mehrheit wird sich daher ihre E-Rezepte ausdrucken, den Ausdruck-Token über Drittanbieter-Apps einscannen und weiterversenden. Das dürfte in der Anfangsphase vor allem den Versandapotheken zugute kommen. 

E-Rezept in der Bevölkerung kaum bekannt

Eine Kantar-Befragung im Auftrag der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) zeigt enormen Aufholbedarf bei der Aufklärung der Bürger:innen. Fast zwei Drittel (63%) der Bürger:innen haben noch nichts vom E-Rezept gehört. Nahezu alle (95%) wissen nicht, wann es eingeführt wird. Auf die Apotheken kommt viel Arbeit zu. Für die ABDA-Präsidentin Gabriele Regina Overwiening ist das E-Rezept dennoch „ein Meilenstein in der überfälligen Digitalisierung des Gesundheitswesens.“ Die rund 19.000 Apotheken seien „E-Rezept-ready“. Neun von zehn Apotheken sind inzwischen über Konnektoren an die Telematikinfrastruktur angebunden, die übrigen sollen in den nächsten Wochen dazu kommen. Jede Apotheke wird zur Online-Apotheke.

Leider gibt es bislang jedoch, laut gematik, nur „Simulationen verschiedener Testszenarien bei ausgewählten Partnern, die in den kommenden Wochen das Ziel haben, das Zusammenspiel der verschiedenen Systeme unter realen Bedingungen zu untersuchen beziehungsweise zu erproben.“