Interviews

„Corona löst eine Welle an Hilfsbereitschaft aus“

Es ist die Stunde der Zivilgesellschaft. In der Corona-Krise erlebt das Land eine Renaissance von Solidarität und Hilfe. Vor allem digitale Angebote und Plattformen sind gefragt. nebenan.de ist hierzulande das größte Nachbarschaftsportal. Seit einer Woche registrierten sich fünfmal so viele Menschen auf der Plattform. Auf Twitter und Instagram posten Tausende mit Hashtags wie #nachbarschaftschallenge oder #coronahilfe ihre Angebote.

Ein Gespräch mit Michael Vollmann, dem Mitgründer von nebenan.de und Geschäftsführer der nebenan.de Stiftung.

Was erleben Sie mit nebenan.de aktuell durch Corona?

Corona hat eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Immer mehr Nachbarn melden sich bei uns an und bieten Unterstützung für Risikogruppen, wie Einkaufsdienste, Apothekengänge, Einzelbetreuung von Kindern oder das Ausführen von Hunden, an. Oder man singt und klatscht gemeinsam von den Balkonen und am Fenster.

Übersteigt die Nachfrage das Angebot?

Nein, es ist umgekehrt: Wir haben wesentlich mehr Hilfsangebote als Nachfrage. Anbieter sind vor allem Jüngere, z.B. Studenten und junge Familien. Die vergleichsweise noch geringe Nachfrage liegt auch daran, dass viele Ältere nicht vertraut sind mit Online-Medien. Daher haben wir eine Hotline gestartet: Über die kostenlose Telefonnummer 0800 866 55 44 können Hilfe-Gesuche per Telefon und Formular aufgegeben werden. Die Anfragen werden auf der neuen Seite nebenan.de/corona gebündelt. Alle Gesuche werden nach PLZ sortiert. Adressverifizierte Nachbarn bei nebenan.de können auf Gesuche in ihrer Umgebung reagieren und direkt Kontakt aufnehmen. Zudem stellen wir Aushänge fürs Treppenhaus und Hauseingänge zur Verfügung. Damit schlagen wir eine Brücke zwischen der analogen und der digitalen Welt.

Die Menschen müssen jetzt sozial Distanz halten und Kontakte vermeiden. Wie verhindern wir die totale soziale Isolation?

Wir bauen jetzt die telefonischen Dienste aus und kooperieren beispielsweise mit der Telefonseelsorge der Diakonie. Über www.tagdernachbarn.de bieten wir jüngeren Altersgruppen Möglichkeiten und Ideen für virtuelle Begegnung und Unterstützung. Zudem stellen wir Städten und Gemeinden derzeit kostenlos das „Organisationsprofil“ auf nebenan.de zur Krisenkommunikation zur Verfügung. So können sie ihre Bewohner einfach über aktuelle Entwicklungen informieren.

Wie wird sich die digital-analoge Zivilgesellschaft nach der Krise von der Zivilgesellschaft vor ihr unterscheiden?

Wir erleben eine Rückbesinnung auf lokale Vernetzung und Kommunikation, unterstützt durch digitale Tools. Der direkte Kontakt zwischen Nachbarn und in den lokalen Räumen wird wieder als echter Mehrwert erkannt. Das wird unsere Gesellschaft sehr viel resilienter gegenüber künftigen Krisen machen.