Interviews

„Corona ist ein Schuss vor dem Bug“

Covid-19 macht der Digitalisierung des Gesundheitswesens Beine. Das wurde spätestens klar, als erste Arztpraxen für Corona-Verdachtsfälle schließen mussten. Das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) bietet seit diesem Jahr Anbietern digitaler Gesundheitslösungen einen planbaren und skalierbaren Weg in die medizinische Regelversorgung in Deutschland. Was sind die Lehren aus der Krise für die öffentliche Verwaltung und muss die neue „Corona-Warn-App“ nachgebessert werden? Ein Gespräch mit Lars Zimmermann, Managing Director von PUBLIC.

Wo steht die deutsche Verwaltung bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens?
Unsere Verwaltung steht bei Weitem nicht so gut da, wie wir uns selbst das immer gerne einreden. Vor allem die Kommunen stünden heute in der Krise besser da, wenn sie früher auf Digitalisierung gesetzt hätten. Deutschland fehle es vor allem an drei Voraussetzungen: einer flächendeckenden Digitalen Identität, die im Gesundheitsbereich ebenso genutzt werden kann wie bei anderen staatlichen Dienstleistungen, einer Government Cloud und einer ausreichenden, vor allem sicheren IT-Infrastruktur für Ärzte und Kliniken. Darüber hinaus müssen wir unser Verhältnis zu Daten langfristig klären. Nur mit Daten werden wir dazu in der Lage sein, unsere Gesundheitsvorsorge deutlich zu verbessern.

Was sind die Lehren aus der Krise für den öffentlichen Sektor?
Staat und Verwaltung sind für unsere Zukunft weitaus wichtiger als man gemeinhin denkt. Digitale und technologische Innovationen und damit Wachstum und Arbeitsplätze gehen immer einher mit einer starken Verwaltung, die Regulation als das Schaffen von Freiraum und Innovation setzt. Davon sind wir aktuell weit entfernt.  Organisatorisch und strategisch mögen Staat und Verwaltung aktuell noch ausreichen für ein relativ gutes Prozessmanagement. Deutschlands Zukunft braucht einen weitaus innovativeren Anwenderstaat. Der lernende Staat ist dabei eher Floskel. Nur wer flächendeckend anwendet, kann auch lernen. Insofern sollten wir daraufsetzen, einen Anwenderstaat zu entwickeln, der neue Lösungen und Innovationen schnell und dann auch schnell in der Fläche zur Anwendung bringen kann.

Die „Corona Warn-App“ wurde bislang mehr als 10 Millionen Mal heruntergeladen. Was kann die App leisten?
Die App wird auf jeden Fall auch einen Beitrag zur Nachverfolgung von Infektionsketten leisten. Welchen genau kann man aktuell nicht voraussagen, das zeigen die vielen Beispiele aus anderen Ländern.  Am Ende ist aber auch klar: Effektivität und Effizienz des Gesundheitssystems hängen an seiner Organisation. Technologie kann gute Organisation, angemessene Finanzierung und gute Ausstattung nicht ersetzen.  Und da liegt im Gesundheitssystem – bei einer Pandemie – vor allem bei den Gesundheitsämtern. Hier ist einiges zu tun.

Was konkret?
Die Gesundheitsämter in Deutschland gehören zu den tragenden Säulen der öffentlichen Gesundheit, das ist vielen vielleicht erst während der COVID-10-Krise deutlich geworden.

Am Beispiel der Krise und den dahinter liegenden Prozessen bei den Gesundheitsämtern zeigt sich, dass es in jedem Aufgabenfeld hohen Digitalisierungsbedarf gibt, von der Aufnahme und Bearbeitung von Meldungen zu Covid-19-Verdachtsfällen, Ermittlung und Nachverfolgung von Kontaktpersonen zu Infizierten, Meldung epidemiologischer Daten an übergeordnete Behörden, Kontrolle der Quarantänemaßnahmen bis hin zur Überwachung von medizinischen und öffentlichen Einrichtungen in Hygienefragen.

Es gibt nicht die eine Lösung, mit der sich Gesundheitsämter von heute auf morgen digitalisieren lassen. Aufgrund des Föderalismus unterschieden sich Struktur und Aufgaben der Gesundheitsämter derart, dass eine „top-down vorgegebene Einheitslösung” ebenfalls nicht funktionieren kann. Die Einrichtungen sollten sich vielmehr am Spektrum bestehender Lösungen bedienen, um schnell Ergebnisse zu erzielen. Die Startup- und Techszene kann diese Lösungen anbieten.

Wie kann sich Europa gegenüber einer zweiten Welle an Infektionen und einer neuen Pandemie in Zukunft wappnen?
Eigenverantwortung ist ein gutes Prinzip. Uns allen muss klar sein, dass wir durch individuelles Verhalten in der Summe Relevanz ausüben. Das Zusammenspiel aus Politik und Bürgerinnen und Bürgern bei der Handhabung der Pandemie war ein sehr gutes und auch ermutigendes Zeichen. Keine App schützt vor Infektionen, insofern – warum sollte es auch hier anders als sonst sein – wappnen wir uns am besten, wenn wir in ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis aus Politik, staatlichen Stellen und uns Einzelnen investieren. Ohne Vertrauen kann kein politisches System der Welt solche Pandemien effektiv bekämpfen. Das ist die Grundlage. Und natürlich gilt es jetzt, die Defizite im Gesundheitssystem schnell anzugehen. Und dabei vor allem die Kommunen und Regionen in den Blick nehmen. Da entscheidet sich in pandemischen Situationen weitaus mehr also auf anderen politischen Ebenen.

Lars Zimmermann ist Managing Director von PUBLIC, einer Venture Firm for Government Technology (GovTech). Zuvor war er CEO der Axel Springer hy GmbH, dem Beratungsunternehmen für digitale Transformation der Axel Springer SE.