Interviews

“Datenschutz darf nicht zur Datenlähmung führen”

Wer wusste als Erster von der Corona-Pandemie? Welchen Beitrag können KI und Systeme wie eine „Corona-App“ zur Bekämpfung leisten? Und welches Modell macht das Rennen, wenn es um die Zukunft der Datennutzung geht? Ein Gespräch mit Thomas Ramge, Research Fellow am Weizenbaum Institut, anlässlich seines neuen Buches „postdigital“. 

Wer hat vom Ausbruch der Pandemie als erstes erfahren?

Das waren gewiss die Ärzte in Wuhan, die zunächst vom chinesischen Staat mundtot gemacht wurden. Weniger bekannt ist, dass ein kanadisches Start-up namens BlueDot über Daten- und Textanalyse ungefähr eine Woche vor der WHO darüber informiert hat, dass in Wuhan eine Epidemie mit einem unbekannten Virus ausgebrochen ist, das sehr stark auf die Lungen schlägt. Am 31.12. 2019 hat das Start-up Alarm geschlagen. Taiwan, der unmittelbare Nachbar von China, hat danach sofort begonnen, Einreisende aus Wuhan auf Symptome zu untersuchen. Andere Länder in der Region wie Singapur und Südkorea folgten.

Lässt sich eine solche Pandemie mit Unterstützung von KI und Datenanalysen überhaupt bekämpfen?

Ja, aber weniger als erhofft. Wir leiden unter Datenarmut. Wir haben es mit einem unbekannten Virus mit unbekannten Informationen im Hinblick auf die Übertragungswege und einer sehr unsicheren Datenlage, wer infiziert und wer schon immun ist, zu tun. Das ist das genaue Gegenteil von der Datafizierung der Welt, über die wir seit 10 bis 15 Jahren reden. Solange wir die Daten nicht haben, nützen auch Algorithmen nichts, die sie auswerten können. Es fehlt an datenevidenzbasiertem Wissen. Lernende Systeme wie künstliche Intelligenz können uns hier kaum helfen. Viele Datenwissenschaftler sind aktuell enttäuscht, wie wenig ihre Disziplin zur Lösung der Krise beitragen kann.

Bei der Eindämmung des Virus geht es auch um die Nachverfolgung von Kontaktpersonen. Die genannten asiatischen Länder setzen hier auf Tracking-Apps. In Deutschland soll im Mai eine „Corona-App“ vorliegen. Was kann sie leisten?

Die Tracing-Apps wurden in Asien sofort eingeführt, ohne dass dies zu Kontroversen in der Bevölkerung geführt hat, weder in China noch in den asiatischen Demokratien. Die Einwände gegen eine solche App waren gering, obwohl ihr Nutzen kaum sicher war. Dagegen liegt bei uns der Schwerpunkt der Diskussion nicht beim Nutzen solcher Systeme, sondern bei der Frage des Datenschutzes. Die Frage des Zielkonfliktes „Datenschutz versus andere Grundrechtseinschränkungen“ wird aber kaum offen diskutiert. Dabei sieht die europäische Datenschutzgrundverordnung explizit im Fall einer Epidemie vor, dass der Datenschutz eingeschränkt werden kann, wenn der Eingriff erforderlich und verhältnismäßig ist. Wir müssen uns zumindest die Frage stellen: Können Systeme wie eine „Corona App“ können mit einem 100%igen Datenschutz funktionieren? Und wären sie besser, wenn wir Kompromisse beim Datenschutz machten?

Sind nicht-demokratische Staaten effektiver bei der Bekämpfung der aktuellen Pandemie mit digitalen Mitteln?

Unser Rollenbild ist nicht China. China hat seinen gewaltigen digitalen Überwachungsapparat zur Bekämpfung von Corona eingesetzt. Verlässliche Daten von dort haben wir nicht. Rollenmodell können allenfalls die asiatischen Demokratien Taiwan, Südkorea und Singapur sein. Dort ist die Einstellung, was ein Staat von seinen Bürgern wissen darf, natürlich auch eine völlig andere. In Taiwan gab es „electronic fencing“, eine Art elektronische Fußfessel, mit der Behörden die Bewegungsprofile der Menschen nachverfolgen konnte. In einer solchen Krise wie Corona müssen wir ideologiefrei diskutieren: Was nützt und was nützt nicht? Wir dagegen wollen beides: 100%igen Datenschutz und 100%igen Nutzen. Datenschutz darf nicht zur Datenlähmung führen.

Wenn wir in Deutschland mit der digitalen Medizin weiter wären, würden wir dann besser in dieser Krise dastehen?

Deutschland ist in vielen Feldern ein digitales Entwicklungsland, was Infrastruktur und Nutzungskompetenz betrifft. Es wird überall erkennbar in dieser Krise, wie weit wir hinterherhinken, wenn es um die Nutzung basaler digitaler Technologien geht. Wenn es auch in Deutschland die digitale Sprechstunde mit dem Hausarzt eine Selbstverständlichkeit wäre, hätten sich zu Beginn der Pandemie nicht so viele Leute in den Wartezimmern voller Praxen mit Covid-19 angesteckt. Die Anwendungen, die bei uns genutzt werden, kommen meist nicht aus Europa. Jetzt zeigt sich, wie weit wir von digitaler Souveränität entfernt sind.

Was können wir für die Zukunft aus der Coronakrise beim Thema datengestützter Entscheidungsfindung lernen?

In einer weltweiten Krise braucht es weltweite Kooperation. Wir brauchen früher und schneller Daten, um evidenzbasiert Entscheidungen treffen zu können. Dazu hätten wir viel früher anfangen müssen, repräsentativ zu testen, wie es um den Gesundheitszustand der Menschen steht und hätten auch ein klareres Bild, wie gut oder schlecht die ergriffenen Maßnahmen wirken. Wir wissen nach wie vor viel zu wenig über das Virus. Zum Beispiel, ob Kinder das Virus übertragen können oder nicht. Wüssten wir es, könnten wir auf Kita- und Schulschließungen verzichten. Die Forschung zur Absicherung und Evaluation der öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen scheint mir eher schleppend, nicht nur in Deutschland, sondern überall. Bei der Entwicklung eines Impfstoffs wird zurzeit vermutlich alles Menschenmögliche getan. 

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie?

Wenn „Covid-20“ kommt, müssen wir früher und härter reagieren können. Es geht darum kluges, menschliches Handeln mit datengestützter Technologie zu verbinden. KI-Systeme können uns helfen, einen Impfstoff zu entwickeln. Der eigentliche Kampf wird aber nicht in einem künstlichen neuronalen Netz gewonnen, sondern in der Petrischale.

Buchhinweis: postdigital: Wie wir künstliche Intelligenz schlauer machen, ohne uns von ihr bevormunden zu lassen. Murmann Verlag 2020. 212 Seiten. 20,00 €.